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Svantewit's Pferd



Außer den heiligen Hainen und Hausgöttern, an denen Fluren und Dörfer Überfluß hatten, waren die ersten und vorzüglichsten unter den Göttern Prove, der Gott des Aldenburger Landes, Siwa, die Göttin der Polaben, und Radigast, der Gott des Obotritenlandes. Diesen waren Priester geweiht und wurden besondere Opfer dargebracht, und man verehrte sie auf mancherlei Weise. Die Feste nämlich, die zu Ehren der Götter zu feiern sind, sagt der Priester nach dem Ausfall des Loses an, und dann kommen Männer, Frauen und Kinder zusammen, und bringen ihren Göttern Opfer dar, bestehend in Rindern und Schafen, ja sehr viele opfern auch Menschen, Christen nämlich, weil sie erklären, am Blute derselben hätten die Götter Wohlgefallen. Nachdem das Opfertier getötet ist, kostet der Priester von dem Blut desselben, um sich zum Empfänger göttlicher Weisung mehr zu befähigen. Denn daß die dämonischen Wesen durch Blut leichter anzulocken sind, ist die Meinung vieler. Wenn das Opfer dem Brauche gemäß vollzogen ist, wendet sich das Volk zu Schmaus und Freude. Die Slaven haben aber einen sonderbaren abergläubischen Gebrauch; bei ihren Schmäusen und Zechgelagen lassen sie nämlich eine Schale herumgehen, auf welche sie im Namen der Götter, nämlich des guten und des bösen, nicht die Weihe, sondern vielmehr der Entweihung ausschütten. Sie glauben nämlich, alles Glück werde von einem guten, alles Unglück aber von einem bösen Gotte gelenkt. Daher nennen sie auch den bösen Gott in ihrer Sprache Diabol oder Zcerneboch, d.h. den schwarzen Gott. Unter den vielgstaltigen Gottheiten der Slaven ist vor allem Zvantevith zu erwähnen, der Gott des Landes der Ruganier, der nämlich in Orakelsprüchen am wirksamsten sein soll; im Vergleich zu ihm betrachten sie die anderen Gottheiten nur wie Halbgötter. [33] 

Svantevit (1850)

"Soviele Stämme wie es gibt, soviele Tempel gibt es auch"
 
In Arkona pflanzte man 1168 auf dem Wall das Feldzeichen des Svantevit, die Stanica, gegen die dänischen Belagerer auf.
 
Die Kaufleute, die nach Arkona kamen, mußten z.B.  Abgaben an den Tempel leisten, bevor sie zum Markt zugelassen wurden. Der Tempelschatz von Arkona diente beispielsweise zum Loskauf der Ranen gelegentlich der obodritischen Ínvasion im Jahre 1123/34. Mehrfach ist die Frage erörtert worden, ob die Priester von Arkona unmittelbaren Landbesitz mit entsprechenden Wirtschaften hatten. Sicherer Erkenntnisse darüber wurden jedoch nicht erreicht.
 
Als der Geistliche Gottschalks, der sächsische Kaufleute auf ihrer Handelsreise begleitete, in Arkona das Christentum predigte, holte der Svantevitpriester "König und Volk herbei und erklärte ihnen, die Götter seien heftig ertzürnt und könnten nicht anders beruhigt werden, als durch das Blut des Priesters..."
 
Eine ähnliche Rolle kam dem weißen Roß des Svantevit in Arkona und dem Kriegspferd des Triglav in Szczecin zu. (Gesattelt mit dem [unsichtbaren] Gott wurde es im Heeresaufgebot mitgeführt). [32]
"Inmitten der Burg ist ein ebener Platz, auf dem sich ein aus Holz erbauter Tempel erhob, von feiner Arbeit, ehrwürdig nicht nur durch die Pracht der Ausstattung, sondern auch durch die Weihe des in ihm aufgestellten Götzenbildes. Der äußere Umgang des Tempels erstrahlte durch seine sorgfältg gearbeiteten Skulpturen; er war mit rohen und unbeholfenen Bildwerken verschiedener Art geschmückt. Für den Eintretenden war ein einziger Eingang offen. Das Heiligtum selbst war von zwei Einhegungen umschlossen. Die äußerer, aus Wänden zusammengefügt, war mit einem purpurnen Dach bedeckt; die innere, auf vier Pfosten gestützt, erglänzte statt der Wände durch Vorhänge; dieser Teil hatte außer dem Dach und dem wenigen Tafelwerk mit dem äußeren nichts gemein. Im Tempel stand ein gewaltiges Götterbild, den Menschen an Größe weit übertreffend, wunderlich anzusehen durch seine vier Köpfe und ebensoviele Hälse." [34]
 
Im Redariergau liegt eine dreieckige und dreitorige Burg Riedegost, rings umgeben von einem großen, für die Einwohner unverletzlich heiligen Walde. Zwei ihrer Tore sind dem Zutritt aller geöffnet. Das dritte und kleinste Osttor mündet in einem Pfad, der zu einem nahegelegenen, sehr düsteren See führt. In der Burg befindet sich nur ein kunstfertig errichtetes, hölzernes Heiligtum, das auf einem Fundament aus Hörnern verschiedenartiger Tiere steht. Außen schmücken seine Wände, soviel man sehen kann, verschiedene, prächtig geschnitzte Bilder von Göttern und Göttinnen. Innen aber stehen von Menschenhänden gemachte Götter, jeder mit eingeschnitztem Namen; furchterregend sind sie mit Helmen und Panzern bekleidet; der höchste heißt Svarozic, und alle Heiden achten und verehren ihn besonders. Auch dürfen ihre Feldzeichen nur im Falle eines Krieges, und zwar durch Krieger zu Fuß, von dort weggenommen werden. Für die sorgfältige Wartung dieses Heiligtums haben die Eingeborenen besondere Priester eingesetzt. Wenn man sich dort zum Opfer für die Götzen oder zur Sühnung ihres Zorns versammelt, dürfen sie sitzen, während alle anderen stehen; geheimnisvoll murmeln sie zusammen, während sie zitternd die Erde aufgraben, um durch Loswurf Gewißheit über fragliche Dinge zu erlangen. Dann bedecken sie die Lose mit grünem Rasen, stecken zwei Lanzenspitzen kreuzweise in die Erde und führen in demütiger Ergebenheit ein Roß darüber, das als das größte unter allen von ihnen für heilig gehalten wird; haben sie zunächst durch Loswurf Antwort erhalten, weissagen sie durch das gleichsame göttliche Tier nochmals. Ergibt sich beidemale das gleiche Vorzeichen, dann setzt man es in die Tat um. Anderenfalls lässt das Volk niedergeschlagen davon ab. Auch bezeugt eine alte, schon mehrfach als falsch erwiesene Kunde, aus dem See steige ein großer Eber mit weißen, von Schaum glänzenden Hauern empor, wälze sich voller Freunde schrecklich im Morast, und zeige sich vielen, wenn schwere grausame und langwierige innere Kriege bevorstehen. Jeder Gau dieses Landes hat seinen Tempel und sein besonderes, von den Ungläubigen verehrtes Götzenbild, aber unter allen nimmt sie den Vorrang ein, sie wird geehrt mit gebührenden Geschenken bei der glücklichen Heimkehr; und sorgfältig erforscht man, wie ich berichtet habe, durch die Lose und das Roß, was die Priester den Göttern als genehmes Opfer darbringen müssen. Ihr unsagbarer Zorn aber wird durch Menschen- und Tierblut besänftigt. (Thietmar von Merseburg, Chronik, VI, 23-25)
 
"War nämlich beschlossen, gegen irgendein Gebiet Krieg zu führen, so pflegte man mit Hilfe der Tempeldiener eine dreifache Reihe von Lanzen vor dem Tempel anzuordnen, in jeder wurden je zwei mit den Spitzen in die Erde gesteckt und gegeneinander verschränkt. Die Reihen waren durch gleiche Entfernung voneinander getrennt. Während das geschah, wurde nach einem feierlichen Gebet das Roß vom Prieser aus der Vorhalle gezäumt herausgeführt. Falls es die vorgesetzte Reihe eher mit dem rechten als mit dem linken Fuß überschritt, wurde das als günstiges Vorzeichen des zu führenden Krieges  angenommen; wenn es aber auch nur einmal den linken dem rechten vorsetzte, so wurde die Absicht über das anzugreifende Gebiet geändert und nicht eher wurde ein Schiffsunternehmen als sicher vorbestimmt, als bis hintereinander drei Spuren des besserenn Auftritts gesehen waren." Der Pferdefuß war es also, über den die Priesterschaft von Arkona ihren Einfluß auszuüben vermochte. Weitere Vorhersagen beruhten auf Losen, dem Wahrsagen aus der Asche, der Beschaffenheit der Wasseroberfläche, dem Harnorakel oder dem Kuchenorakel. Die sicherste Art, auf die Entscheidung Einfluß zu nehmen, bestand für den Priester darin, daß er aus dem Geschmack des Opferblutes den Willen der Götter erkundete. [32]
Die im Groß Radener Kultbau gefundenen drei Pferdeschädel und zwei Lanzenspitzen deuten auf vergleichbare Rituale hin. [36]
Das YHYACH-Fest der Jakuten reicht zurück bis in die mythologischen Legenden der Turkvölker Südsibiriens. Zu einer Zeit, als die Sacha (Jakuten) begannen, die Himmelsgötter ajyy anzubeten, wurde dieses Frühlingsritual zum ersten Mal von Ellej, dem Urahn des Volkes ausgerichtet.
Ein weißer Schamane mit Frauenpelz, Frauenschmuck und Umhang aus dem Fell eines weißen Hengstes weiht durch Benetzen mit gegorener Stutenmilch die Pferde, ruft die lichten Götter und die Herren der Orte an. Bezogen auf die wirtschaftliche Grundlage der Jakuten - die Pferde - und die Jahreszeit, zu welcher Pferdemilch im Überfluß vorhanden ist, spiegelt sich hier ein jahreszeitlicher Erneuerungsritus wieder. Das dies erst im Juni stattfindet, ist den klimatischen Bedingungen Nordsibiriens geschuldet. [35]
 
Finden wir hier einen Hinweis auf die Ursprünge der slawischen Pferdeverehrung -  ein oder mehrere verbundene Pfähle, in den Boden gestecktes Birkengrün, der Bezug auf Himmel, Wasser und Erde? Rituale könnenn sich auch unabhängig voneinander - unter ähnlichen Vorausetzungen -  ähnlich entwickeln. Allerdings bliebe der Vergleich auch dann spannend genug!
 

 

Ganz in der Frühe, bevor die Sonne hinter den dunklen Wäldern sich hob, schlüpften hurtig die jungen Mädchen aus den Hütten oder Zelten hervor und eilten leise zu den Ufern des Flusses; wo sich zwei zusammenfanden, grüßten sie sich nur mit stummenm Nicken, kein Wort durfte gehört werden, wenn daß Werk, das sie vorhatten, gelingen sollte. Am Strande schöpften sie in Krügen Wasser, indem sie die Öffnung gegen den Strom hielten. Gelang es nun, vor dem Aufgang der Sonne unter stetem Schweigen das Wasser in die Behausung zurückzubringen, so war ein kräftiges Mittel gegen allerlei Schaden gewonnen. Man gebrauchte es beim Kochen von gutem Balsam, man besprengte damit das Vieh und die Wohnung, zum Abhalten unholder Geister, doch vor allem benutzten es die wendischen Mädchen zum Waschen, denn es mehrte die Schönheit, erhielt die Jugend und zog die Blicke der Jünglinge an. Indessen waren diese nicht unkundig des Schicksals, das ihnen mit dem Zauberwasser bereitet werden sollte, darum hatten sie sich schon früher im Schilf und hinter Erlengebüsch in den Hinterhalt gelegt, und wenn ein Mädchen sich neigte den schweren Krug zu füllen, flog plötzlich ein ungefüger Stein dicht vor ihr in die Flut, daß sie vom aufspritzenden Wasser überschüttet wurde. Stieß sie dann im Schrecken einen lauten Schrei  aus, so war der Zauber gebrochen, und sie entfloh eiligen Laufes, vom Gelächter der schlimmen Schalke verfolgt.

Der dröhnende Schall einer Pauke mahnte an den Beginn des Festes, die Schläger schlugen wacker drauf, denn man meinte, soweit der Schall dringe, könne er verderbenbringende Blitze und Hagelwetter für die Dauer des Sommers abhalten. Aus den Zelten kamen die Männer im  Festgewand, auch die Frauen traten zusammen auf gesonderten Plätzen, und mancher fremdartige  Schmuck, ein Beutestück aus weiter Ferne, prangte am Halse oder im Haar. Mit Kennerblicken wurde er gemustert, lebhaft tauschten die Neidischen ihre Bemerkungen über die Besitzerin aus und leider nicht immer gute. Sonst waren die Weiber an das Haus gewiesen, und man lobte es nicht, wenn sie sich öffentlich vor den Männern sehen ließen. Aber das Fest des Goderac verlangte auch ihre Teilnahme, und diese Gelegenheit stiftete manche Feindschaft der Alten, aber flocht auch manches Herzensband der Jungen.

 

Bald stellten sich die Männer zum feierlichen Zuge auf. Voran schritt ein Priester, der das plump in Erz geformte Bild eines Stieres trug. Ihm folgte der Krive, er führte einen Wedel in der Hand, den er in das heilige Wasser tauchte, das zwei Priester ihm nachtrugen, um das Land oder die Wohnungen zu besprengen und sie damit unter des Gottes Schutz zu stellen. Der Zug, dem sich Fürsten, Herren und Bauern anreihten, bewegte sich schweigend über das Tal und die Hügel und gewährte einen schönen Anblick, wenn ihn die Strahlen der Sonne voll trafen, denn auch die Männer trugen reichen Schmuck an Ketten, Ringen, Spangen und Reifen.

Nach Beendigung des Umzuges trat der Krive beiseite. Zwei Priester führten eine Schar von Jünglingen, die in gemessenen Schritt unter dem Schall der Pauken einen feierlichen Tanz aufführten. Im Begegnen und Weichen, in allerlei Verschlingungen bewegten die Züge sich über den Rasen, um sich endlich  vor dem Fürsten und seinem Gefolge aufzustellen.

Der verkündete nun mit lauter Stimme, daß man zu Ehren des Gottes und nach der Väter Weise ein Wettschießen abhalten wollte, zu dem Alt und Jung geladen wäre. Die Sieger sollten nicht ohne gute Beute davongehen. Im Nu waren Stangen errichtet, auf denen nicht allzuhoch auf einem Querstück eine Taube mit langer  Schnur gefesselt saß. Zehn solcher Ziele wurden hergestellt, die ältesten Männer maßen die Entfernungen und stellten sich in kleinen Gruppen seitwärts auf zum Schiedsgericht, und Paukenschlag gab das Zeichen zur Eröffnung des Schießens.

Es war durchaus kein leichtes Ziel, das den Schützen gesetzt war, aber es waren jagdgewandte Männer, die den Bogen spannten und geübt waren, schwer erreichbares Wild mit sicherem Schusse zu erlegen. Endlich, als die Sonne schon ihren höchsten Stand erreicht hatte, waren die Tauben von allen Ständen heruntergeschossen und die zehn Sieger mußten nun zusammentreten, um den letzten Streit auszufechten ...

 

Beim Verteilen der Preise karkten die Fürsten nicht,  jeder von ihnen gab den Siegern und bei den Jüngeren hatte man auch  darauf acht, daß sie eine Gabe erhielten, die sie einem Mädchen  überreichen konnten, um es vor anderen auszuzeichnen.

Der Nachmittag und Abend galt dem fröhlichen Gelage; es rückten die Familien zusammen, und die Weiber fanden, trotzdem sie durch das Schenkenamt reichlich in Anspruch genommen wurden, noch genügend Zeit, um ihre Meinung darüber auszutauschen, wer  heute wiederum einmal  in der Zauberei eine gelehrige Schülerin des Krive gewesen wäre.

Mit schwerem Kopfe legte sich der Wende spät in der Nacht nieder, man erachtete es für eine Schande, am Feste des Goderac nüchtern zu bleiben. Nur jenseits des Flusses leuchtete hin und wieder Fackelglanz auf, und wer den sah, wußte, daß in der Neumondnacht die Priester des Goderac ihren heimlichen Gottesdienst feierten, dem beizuwohnen keinem Laien gestattet wurde.

Das Horn rief am nächsten Morgen nach Sonnen-Aufgang über den Fluß, un salsbald regte es sich auf den Hügeln, große Scharen zogen über die aus Kähnen hergestellte Brücke über die Burg und Vorburg und dann im weiten Bogen durch die Wiesen. Der Weg war nur schmal. also ging das Vorrücken der Menge auch nur langsam. Darum unternahmen andere es, in Kähnen oder auch in größeren Lastschiffen, die man im Handelsverkehr auf dem Strome zu gebrauchen pflegte, überzusetzen, und rastlos zog der Kiel der Fahrzeuge seine Furchen hinüber und herüber. So stand die Sonne schon hoch, als die letzten in der Nähe des Heiligtumes anlangten. Es lag in einem Wiesentale, und war mit einem weiten, gleichfalls dem Gotte geheiligten Haine umgeben, der auf beiden Seiten die Talhöhen bedeckte. Wenige Wenden hatten Neigung verspürt, seit dem letzten Einfalle der Dänen diesen Raum zu besuchen, man scheute die Verwüstung des Heiligtums zu schauen. Darum zogen die Haufen jetzt auch in etwas geteilter Stimmung heran, und mit dem Betreten des heiligen Haines schwieg jede laute Rede.

In dem Tale lag ein kleiner See, rings eingefaßt von nassen Wiesen, und durch See und Wiese war der Wall begrenzt, der so hoch aufgeschüttet war, daß man von den umstehenden Bäumen nicht darüber hinweg in den inneren Raum sehen konnte. Früher war, um denselben noch mehr zu verbergen, der Wall mit Bäumen beflanzt, Die Dänen hatten sie gefällt, aus den Stümpfen waren junge Triebe ausgeschossen, und das Ganze glich, von den Talufern aus gesehen, einem buschigen Hügel. Von diesem Walle führte durch die Wiesen als einziger Zugang ein Damm zu dem Haine, in dem die Menge harrte.

Langgezogene Töne deuteten an, daß sich die Tore zum Heiligtum öffneten, um die Priesterschaft hindurchzulassen. Der Krive trug ein langes, schneeweißes Gewand mit funkelnden Steinen und goldenen Schnüren, und seine über die Schultern wallende, schwarze Haare, die auf der Stirn von einem goldenen Reif umspannt waren, hoben sich seltsam ab von dem hellen Grunde. Keine Bewegung war in seinen Zügen bemerkbar, es schien, als ob er sein Amt immer ungestört verwaltet hätte. Die Priester stimmten, während sie über den Damm zogen, einen feierlichen Gesang an, der endete, sobald ein Hornstoß verkündete, daß sie den festen Boden betreten hatten. Mit ausgewählten Vertretern des Adels und der freien Bauern traten ihnen die Fürsten entgegen.

...

Auf einen Wink des Fürsten führten einige Männer zehn große, wohlgemästete Rinder herbei. Andere trugen ebenso viel Krüge mit Met und Körbe mit Backwerk, endlich brachten zwei eine silberbeschlagene Truhe, in der ein Teil des Schatzes lag, den man auf dem letzten Dänenzuge gewonnen hatte. Einen Augenblick funkelte das Auge des Krive, dann gab er gleichmütig den Priestern einen Wink. Sie nahmen das Dargebrachte entgegen und ordneten sich zur Rückkehr. Zu ihrer Schar gesellten sich noch die Fürsten mit dem Gefolge, und der Zug schritt nun mit der gleichen Feierlichkeit, wie er gekommen, zum Heiligtum zurück, nur Opfernden war es gestattet einzutreten.

Ein weiter Raum nahm die Männer auf, überschattet von einer gewaltigen Eiche, zog sich ein zeltartiger, oben offener Bau aus feinen Vorhängen und verbarg das Innere dem spähenden Auge. Vor diesem Zelte lagen drei mächtige Steine, auf denen ein vierter, flach gehöhlter lastete. An der dem wohlbekannten Altar gegenüberliegenden Seite des Walles, also hinter dem Zelte, stand ein Blockhaus, dessen Tür sorglich verschlossen gehalten wurde, und in der Umwallung waren mancherlei verborgene Gemächer angebracht.

Es begannen nun die Priester die Opfer. Die Rinder wurden an dem Altar geschlachtet, und das Blut ward teils darauf gesprengt, teils in eine Grube geschüttet. Teile des Eingeweides und des Fettes wurden mir dem Kuchen auf eine Unterlage von Eichenholz aufgeschichtet und mit Met aus den Krügen besprengt. Das Feuer loderte hoch auf, und die wartende Menge erkannte an der Rauchsäule, daß das Opfer gebracht wurde. Danach öffneten sich wie von selbst die Vorhänge, und es wurde der Stamm der Eiche sichtbar, der allerlei Hörner, Waffen und Schmuck trug, überall war das Stierzeichen angebracht. Zwei Priester gingen in den heiligen Raum, setzten die Truhe an dem Fuße des Stammes nieder und zogen sich eiligst zurück. Jetzt trat der Oberpriester ein und umging den heiligen Stamm dreimal in gemessenem Schritt. Leise klirrten die Waffen, tief ausatmend trat er über die Schwelle, und hinter ihm flogen geheimnisvoll die Vorhänge zusammen. Nicht länger durfte er bleiben, als er den Atem anhalten konnte, kein Hauch aus menschlichem Munde sollte die heilige Stätte verunreinigen.

Der Gott ist bereit, eure Gaben entgegenzunehmen, sagte er, wir werden das Los werfen, daß er es lenke nach seinem Willen. Vor dem versammelten Volke sollt ihr seine Antwort empfangen.

Während er so sprach, hatte sich die Tür des Blockhauses geöffnet, und ohne Führung trat ein prachtvoller Urstier heraus. Es war ein Tier von jener Art gewaltiger Rinder, die neben dem Wisent in den Wäldern des mittleren Europas hausten. Die Hörner waren sehr lang und spitz, die Farbe war grauschwarz, der Rücken weißschimmernd, Ohren und Hufe waren schwarz. Als es in seiner riesigen Größe friedlich vor den überraschten Männern stand, fehlte nicht viel, daß sie das Schweigen des Heiligtums durch den Ruf der Freude gebrochen hätten, denn nichts konnte ihnen die Nähe des Gottes besser beweisen, als die Gegenwart des wohlbekannten heiligen Tieres.

Abermals ordnete sich der Zug und schritt über den Damm. Die Priester hatten dem Stier einen golddurchwirkten Halfter um die Hörner gelegt, um ihn daran zu geleiten, und er ragte mit seinen Schultern über die Häupter der Schar hinaus. Auch trug man heiliges Gerät, wie es beim Los gebraucht werden mußte.

Das Volk empfing den Zug mit ehrerbietigem Schweigen. Auf einem freien Platze wurden zwei Spieße in die Erde gesteckt, und ein dritter ward quer darüber befestigt. Darunter löste ein Priester mit heiligem Messer ein Rasenstück los, hob es heraus und legte es vorsichtig zur Seite. Andere gingen an der Wiese entlang und sammelten, leise einen Spruch murmelnd, allerlei Gras und Kräuter, trugen es herbei und schichteten zwei Haufen jenseits der Spieße. Der Oberpriester ließ sich drei Lose reichen, eichene, flache Brettchen, die auf der einen Seite schwarz und auf der anderen Seite weiß gefärbt waren, und warf sie, nachdem er sie geschüttelt, mit abgewandtem Antlitz auf die vom Rasen befreite Stelle, und ebenso mit abgewandtem Antlitz deckte sofort ein Gehilfe das Rasenstück darüber. Dann ließ man in einiger Entfernung den Urstier frei, und er schritt sofort durch die aufgerichteten Spieße, sorgsam beachtete man, daß er nicht stolperte, aber mit dem rechten Fuße über die Lose trat, auch wandte er sich zu dem Futterhaufen, der rechts aufgeschüttet lag, und begann zu fressen, bis er alles verzehrt hatte. Ein Priester führte das Tier endlich zurück, und nun war der entscheidende Augenblick gekommen, daß man die Lose fragte. Der Krive hob das Rasenstück zurück, und siehe, es lag die weiße Seite bei allen Brettchen nach oben.

Hoch sich aufrichtend, begann er mit lauter Stimme: "Höret, was Euch der Gott, den ihr gefragt habt, antwortet. Eure Felder werden reichlich tragen, euer Vieh wird gedeihen, eure Lanzen werden die Feinde treffen, daß sie vor euch fliehen, und in euren Schwertern wohnt der Sieg. Eure Brüder werden ihrer Last ledig, und der Wende wird wieder frei auf seiner Scholle wohnen. So spricht Goderac. Aber vergeßt nicht, daß der Sieg allein von den Göttern kommt, und wendet euch nicht zum Undank, Ihr bleibt in seiner Schuld, er wird sie von Euch fordern."

Während der Jubelsturm von allen Seiten ungehemmt ausbrach, wandte sich die Priesterschar wieder feierlichen Schrittes mit dem Tiere zum Heiligtum, aus dem inzwischen durch Tempeldiener auf Karren der größte Teil des Opferfleisches zurückgebracht war.

Das Volk lagerte im Hain und rüstete an mächtigen Feuern das Opfermahl. Mit dem vierten Tage erreichte das Fest sein Ende. Die Menge wandte sich heimwärts, die Gegend, die jüngst noch der Schauplatz eines so fröhlichen Treibend gewesen war, lag verlassen.

 

(leicht gekürzter Textauszug - das Fest des Goderac - aus "Pribislav" von C. Beyer aus dem Jahre 1891)